Unser Narzissmus stinkt

Die derzeitige Berichterstattung unserer Massenmedien zu den Ereignissen im Iran stinkt mal wieder zum Himmel. Ich kann mich dabei konkret zwar nur auf die Informationsangebote der ARD und des D-Radio und vielleicht noch der Zeit beziehen, aber die dortige Berichterstattung scheint mir schlimm genug, um hier mal kurz ein paar Zeilen dazu zu schreiben (Anbei: Ich will schon gar nicht wissen, wie RTL und der ganze restliche Abschaum dazu informiert).

Vorweg: Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ich weder mit Ahmadineschad noch mit Mussawi oder gar dem Ayatollah-Regime an sich sympathisiere. Dazu kenne ich das Machtgefüge im Iran bzw. nahem Osten zu wenig, auch habe ich nicht genügend zuverlässige Informationen zu den Befindlichkeiten im Iran, um mir ein genaues Bild der Situation dort zu machen. Zum politische System im Iran kann ich also keine Stellung beziehen, denn dass lässt mein bescheidenes Wissen nicht zu. Allerdings: die Eckpunkte der jüngeren Geschichte des Iran - und auch deren Querbezüge zu diversen Ereignissen in Deutschland - sind leicht zugänglich und auch mir einigermaßen geläufig.[1]

Doch zurück zur Berichterstattung in unseren Medien. Das Einzige, was man den meisten veröffentlichten Beiträgen und Artikeln wirklich entnehmen kann, ist der - witzigerweise auch meist unumwunden zugegebene - Umstand, dass es eigentlich keine gesicherten Informationen zum Thema gibt. Allerdings hält das kaum einen Journalisten davon ab, auf die billigste Weise gegen Ahmadineschad Stellung zu beziehen. Das gegebene Bild ist meist recht einfach strukturiert: Ahmadineschad ist der böse Schurke, der die Wahl gefälscht hat und nun brutal mit “Übergriffen seiner Milizen”[2] gegen das dagegen protestierende Volk vorgeht, welches eine “Neuauszählung zugunsten des unterlegenen Oppositionskandidaten” fordert[2]. Gerne werden dabei auch Bilder gebracht, welche riesige Menschenmassen zeigen, welche friedlich demonstrieren, häufig mit eingeschnittenen Aufnahmen von brutal vorgehenden Uniformierten auf Motorrädern. In den Texten wird permanent, teils offen, teils implizit unterstellt, dass die Wahl auf jeden Fall zugunsten Ahmadineschads manipuliert wurde. Das höchste der objektiven Gefühle unserer seriösen Journalisten sind dann Sätze wie ”Außerdem darf nicht gänzlich ausgeschlossen werden, das Achmadineschad die Wahl tatsächlich gewonnen haben könnte.“[3] Der Tagesspiegel ist sich sogar nicht zu blöd, die gewalttätigen Aktionen der Anhänger Ahmedineschads mit den brutalen Übergriffen der “Jubelperser” der CIA-Marionette Pahlavi von 1968 in einer wahrhaft unglaublichen Einfalt gleichzusetzen[4].

Alles, was wir wirklich wissen ist, dass es eine Wahl gab, bei sich die 46 Millionen Wahlberechtigten im Wesentlichen zwischen zwei Kandidaten entscheiden konnten. Dabei stand der amtierende Präsident eher für eine konservative Politik, der einzige ernst zu nehmende Gegenkandidat Mussawi für eine reformorientiertere Gesinnung. Obwohl diese Wahl im westlichen Sinne wenig demokratisch war, da alle Kandidaten vom Regime zugelassen sein mussten, spricht eine - auch von unseren Medien nur äußerst selten in Frage gestellte - recht hohe Wahlbeteiligung von 80% für einen von den Beteiligten durchaus als demokratisch wahrgenommenen Charakter. Weiterhin wissen wir, dass es nach der Wahl zu Demonstrationen beider Lager kam. Fakt ist auch, dass im Iran eine staatliche Nachrichtenzensur erfolgt, von der auch ausländische Berichterstatter betroffen sind. Was wir noch wissen ist, dass der unterlegene Kandidat für viele seiner Wähler wohl nur ein kleineres Übel darstellt und sich seine Wählerschaft wahrscheinlich vor allem aus westlich orientierten jungen Leuten aus der Mittelschicht der größeren Metropolen rekrutiert. Diese Schicht dominiert auch im Iran das globale Informationsmedium Internet. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn uns derzeit fast nur Informationen dieser Seite erreichen. Diese Informationen aus dem Internet sind naturgemäß allerdings nur sehr unzuverlässig und leicht zu manipulieren.

Auf diesem dünnen Faktenfundament bauen unsere Medien - gezwungen, immer möglichst spektakulär zu berichten und stets dem Herdentrieb verpflichtet - ihre Informationskampagne auf und sind sich dabei nicht dumm, für den “guten”, “pro-westlich” Kandidaten eindeutig Stellung zu beziehen. Das Ganze erinnert an die Farce der Berichterstattung zum “Georgienkrieg”, als der mehr als unseriöse, aber pro-westliche Politclown Saakaschwili in stiller medialer Eintracht zum “Guten” erklärt wurde.

Vielleicht resultiert diese verderbliche Stimmungsmache unserer Massenmedien aus dem Zwang heraus, ihr “Produkt” an möglichst viele Kunden verkaufen zu müssen - und ja, auch die öffentlich-rechtlichen Anbieter unterstellen sich der Zuschauerquote! Und erfolgreicher ist in diesem Fall ganz sicher immer der, der “den Kunden” nicht mit komplexen Zusammenhängen quält. Vielmehr bietet man ihm besser einfach zu verdauende Informationhappen an, die hübsch kompatibel mit dem von ihm bereits mühsam erarbeiteten und in sich abgeschlossenen Vorurteilsuniversum sind und die bei Bedarf am jeweiligen Stammtisch im jeweiligem Kreise auch leicht zu reflektieren sind.

Abschließend sei mir noch eine Anregung erlaubt: Im Gefolge der quasi gleichgeschalteten Medien kommt es ja auch seitens unserer Politiker zu mehr oder weniger schweren Vorwürfen gegen die iranische Regierung. Dabei steht besonders der Umgang der iranischen Machthaber mit den Demonstranten in der Kritik. Vordergründig ist von “hunderten” verhafteter Oppositioneller und von brutalen Übergriffen durch Milizen und einigen Toten die Rede. Selbst unter der Annahme, dass diese verbreiteten Informationen korrekt sind, kann man bei Protesten von “mehreren hunderttausend” Menschen[5] davon ausgehen, dass sich unter den Demonstranten auch immer einige gewaltbereite Teilnehmer befinden, welche dann zündeln. Führt man sich die Situation einmal nüchtern selbst vor Augen (ohne die manipulativen Bilderunterlagen aus den Nachrichten) sind selbst die genannten, nicht verifizierbaren Zahlen recht harmlos. Man stelle sich nur kurz einmal vor, was in unserem Lande geschehen würde, wenn Hunderttausende gegen einen Wahlausgang protestieren würden. Man erinnere sich dazu z.B. einfach an die Bürgerproteste in Heiligendamm 2008. Diese Proteste dort hatten wahrscheinlich weniger Teilnehmer als die Proteste im Iran, waren demonstrantenseitig (bis auf den Anfang) weitgehend friedlich und die Demonstrationen fanden größtenteils im nicht-urbanen Umfeld (Wald & Wiese) statt. Unser ach´ so freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat agierte damals mit üblen Repressionen, deren Spektrum von einer im Vorfeld(!) stattfindenden Durchsuchungswelle (40 Wohnungen) über massiv und systematisch eingesetzte illegale Verhaftungen (unangemessene Polizeigewalt, keine Angabe von Gründen für die Verhaftung, keine Anwälte, Käfighaltung), die Einschleusung von “Agent Provocateurs” unter die Protestierenden bis hin zum Militäreinsatz gegen die Demonstranten reichte.

Wie sehe die Berichterstattung unserer staatstragenden Schreiberlinge wohl aus, würde die Regierung des Iran zu solchen Mitteln greifen?


G8-Heiligendamm: Demonstration im Rechtsstaat

Links/Empfehlungen:


  • [1] Erinnert sei hier kurz an die Operation Ajax, die ”Jubelperser” des CIA-Schahs, den Tod von Benno Ohnesorg und die aktuelle, bis zur Schmerzgrenze aufgezogene “Stasiaffäre” seines Mörders.
  • [2] siehe http://www.zeit.de/online/200 9/26/bg-iran-1906?1
  • [3] siehe http://www.zeit.de/online/200 9/26/bg-iran-1906?1
  • [4] http://www.tagesspiegel.de/kultur/Iran;art772,2824960
  • [5] http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video515110.html

Dexter am 20.06.2009 um 05:13 in Politik & Gesellschaft

Kommentare

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  1. karl - Sun Jun 21 10:15:54 UTC 2009:

    sehr, sehr guter artikel. du hättest vielleicht noch auf die internetzensur eingehen können, schließlich berichten ja viele zeitungen wie schlimm es im iran sei - um zwei seiten oder ein paar klicks weiter die “kinderpornographie”-zensur als rechtstaatlich einwandfrei und beste lösung zu propagieren.

  2. Himself - Thu Jun 25 03:04:50 UTC 2009:

    Man beachte:

    http://www.heise.de/security/Pentagon-richtet-Cyberwar-Kommando-ein–/news/meldung/141055

    Und aus dem Angebot der ARD: Eine kundige Journalistin beantwortet Chatfragen:

    http://www.tagesschau.de/interaktiv/chat/chatprotokoll512.html

    So auch diese: “Alexandros: Wie hoch schätzen Sie den Einfluss der Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit dem innenpolitischen Geschehen im Iran ein?

    Isabel Schayani: Das kann man im Moment nicht seriös beantworten. Man kann nur Fragen stellen: Wo kommen die vielen Nachrichten im Netz her, die vielen Botschaften bei Twitter? Wenn doch angeblich und nicht nur angeblich, sondern faktisch das Handynetz kaum noch funktioniert und die Computer fast kriechen.”

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